Das Manifest der Datensortierung — Ein vollständiges Handbuch für digitale Forensik,
Datenrettung und systematische Datenverarbeitung
150+Seiten
33Kapitel
100+Befehle
8Teile
Dieses Werk ist ein praxisorientiertes Meisterhandbuch, das einen
gesamten forensischen Workflow abbildet: von der ersten Berührung eines defekten
Datenträgers über das sichere Imaging, die systematische MIME-Analyse,
Kodierungsreparaturen bis zur vollautomatischen Sortierung von Millionen Dateien.
Ziel ist es, einen realen forensischen Workflow reproduzierbar,
nachvollziehbar und gerichtsfest abzubilden — basierend auf
internationalen Standards wie ACPO, RFC 3227, NIST 800-86 und ISO/IEC 27037.
Teil I
Fundamente der digitalen Forensik
Die theoretischen und rechtlichen Grundlagen, auf denen jede seriöse forensische
Untersuchung aufbaut.
Kapitel 1
Einführung in die digitale Forensik
Digitale Forensik ist die systematische Untersuchung digitaler Geräte und
Datenträger zur Gewinnung, Sicherung, Analyse und Interpretation von Informationen.
1.1 Was ist digitale Forensik?
Digitale Forensik ist die Wissenschaft der Beweissicherung, Analyse und Rekonstruktion
digitaler Informationen. Sie dient nicht nur der Strafverfolgung, sondern auch der
Datenrettung, der Incident Response und der technischen Rekonstruktion vergangener
Vorgänge.
Der Kern besteht aus vier Grundaufgaben:
Die vier Säulen der digitalen Forensik
Identifizieren — Relevante Daten erkennen und lokalisieren
Sichern — Daten ohne jede Veränderung kopieren und bewahren
Analysieren — Mit reproduzierbaren Methoden untersuchen
Dokumentieren — Für technische oder juristische Bewertung aufbereiten
1.2 Anwendungsgebiete
Digitale Forensik wird in vielfältigen Kontexten eingesetzt:
Datenrettung — Wiederherstellung von Daten nach Hardware-Ausfällen
Incident Response — Reaktion auf IT-Sicherheitsvorfälle
Wallet-Recovery — Wiedererlangung von Krypto-Wallets, Seeds, Zugangsdaten
Datensortierung — Umgang mit großen heterogenen Datenbeständen
Digitales Erbe — Datenwiederherstellung für Hinterbliebene
1.3 Was dieses Buch behandelt
Dieses Werk bildet einen vollständigen forensischen Workflow ab — von der ersten
Berührung eines defekten Datenträgers bis zum finalen Abschlussbericht:
Arbeiten nach internationalen Standards (ACPO, RFC 3227, NIST 800-86)
Vollautomatische Sortierlogik für Millionen Dateien
Erstellung vollständiger Abschlussberichte
1.4 Ethische Grenzen
Was dieses Buch NICHT tut
Keine maliziösen Techniken
Keine illegalen oder unethischen Anwendungen
Keine Hacks, Exploits oder Angriffswerkzeuge
Dieses Buch dient dazu, Wissen zu bewahren, Wiederherstellung zu ermöglichen
und technische Wahrheit sichtbar zu machen.
1.5 Zentrale Risiken
Digitale Forensik ist hochriskant, wenn Fehler gemacht werden. Die Konsequenzen
können irreversibel sein:
Daten können irreversibel überschrieben werden
Dateisysteme können beschädigt werden
Hashwerte können ungültig werden
Metadaten können manipuliert wirken
Juristische Verwertbarkeit kann verloren gehen
Kernaussage
Forensische Standards und korrektes Vorgehen sind nicht optional —
sie sind unverzichtbar.
Kapitel 2
Internationale Standards & Leitlinien
Digitale Forensik ist nur dann seriös und belastbar, wenn sie sich an verbindliche,
international etablierte Regeln hält.
Diese Regeln sichern vier fundamentale Eigenschaften:
Integrität — Daten bleiben unverändert
Reproduzierbarkeit — Ergebnisse sind wiederholbar
Transparenz — Jeder Schritt ist nachvollziehbar
Nachvollziehbarkeit — Die Beweiskette ist lückenlos
2.1 ACPO-Prinzipien (UK Home Office)
Die Association of Chief Police Officers (ACPO) definierte grundlegende
Leitlinien für digitale Beweissicherung. Diese vier Kernprinzipien bilden die
Basis jedes seriösen Workflows:
Die vier ACPO-Prinzipien
Keine Veränderung
Kein Experte darf Daten verändern, die später als Beweis dienen könnten.
Dokumentierte Ausnahmen
Wenn eine Veränderung unvermeidbar ist, muss sie erklärbar, nachvollziehbar
und dokumentiert sein.
Vollständige Transparenz
Jede Handlung muss vollständig und transparent nachvollziehbar sein.
Persönliche Verantwortung
Die verantwortliche Person trägt für die Einhaltung der Forensik-Regeln
die volle Verantwortung.
RFC 3227 definiert die Reihenfolge der Beweissicherung, also die
Priorität, in der Daten abgegriffen werden müssen:
Priorität
Datentyp
Volatilität
Beispiele
1
Flüchtige Daten
Sekunden–Minuten
RAM, Netzwerkstates, Prozesslisten
2
Temporäre Dateien
Minuten–Stunden
Caches, Swap, temp-Verzeichnisse
3
Persistente Dateien
Stabil
Dokumente, Datenbanken, Logs
4
Backups & Archive
Sehr stabil
Externe Backups, Offline-Archive
Für Datenträgerforensik bedeutet das:
Originalmedium nie verändern
Immer zuerst ein Image erstellen
Nur das Image analysieren
2.3 NIST Special Publication 800-86
Das US National Institute of Standards and Technology definiert in
SP 800-86 den vollständigen Rahmen für forensische Untersuchungen:
Rollen — Wer ist wofür verantwortlich?
Arbeitsabläufe — Wie ist der Prozess strukturiert?
Analyseprozess — Welche Schritte sind notwendig?
Reporting — Wie werden Ergebnisse dokumentiert?
Hashvalidierung — Wie wird Integrität sichergestellt?
Dokumentationsstruktur — Was muss festgehalten werden?
Dieses Buch folgt weitgehend der NIST-Methodik.
2.4 ISO/IEC 27037
Diese internationale Norm beschreibt:
Identifikation digitaler Beweise
Sicherstellung und Handhabung
Dokumentationsanforderungen
Umgang mit verschiedenen Speichergeräten
Sie bildet den internationalen Rahmen der Beweiserhebung.
Zusammenfassung der Standards
Alle genannten Standards haben einen gemeinsamen Kern:
Integrität bewahren, Prozesse dokumentieren, Ergebnisse reproduzierbar machen.
Kapitel 3
Forensische Grundprinzipien & Arbeitsregeln
Es gibt nur wenige Grundprinzipien — aber sie sind absolut entscheidend.
Wenn eines davon verletzt wird, verliert der gesamte Prozess seine Glaubwürdigkeit.
3.1 Niemals am Originalmedium arbeiten
Der wichtigste Grundsatz
Das Original wird niemals verändert.
Jede Analyse erfolgt nur auf einem bitgenauen Abbild.
Gründe für diese strikte Regel:
Jeder Zugriff ändert Access-Timestamps
Das Betriebssystem schreibt versteckte Metadaten
Indexer und Dienste könnten Dateien verändern
Beschädigte Medien können durch Zugriffe weiter zerstört werden
3.2 Write-Blocker & Read-Only-Mount
Ein Write-Blocker verhindert hardwareseitig jede Schreiboperation.
Dies ist der sicherste Ansatz für forensische Arbeit.
Softwareseitige Alternative (weniger sicher):
Read-Only Mount
mount -o ro /dev/sdX /mnt/original
Einschränkungen des Software-Ansatzes
Nicht jedes Betriebssystem hält sich 100% an Read-Only
Firmware kann im Hintergrund schreiben
SSDs führen Hintergrundprozesse aus (TRIM, Garbage Collection)
3.3 Dokumentation jeder Handlung
Eine forensische Dokumentation muss lückenlos sein. Jede Handlung, jeder Befehl,
jede Beobachtung wird festgehalten:
Parameter
Beispiel
Datum / Uhrzeit
2025-12-10 14:32:15 UTC
Gerät
Samsung 870 EVO 1TB
Seriennummer
S6VBNF123456Z
Beteiligte Personen
Analyst: JJ
Hash vor Image
SHA256: 7f83b1657...
Hash nach Image
SHA256: 7f83b1657...
Tools und Versionen
ddrescue 1.27, sha256sum 8.32
Vollständige Befehlshistorie
In Log-Datei dokumentiert
3.4 Reproduzierbarkeit
Jede Analyse muss so durchführbar sein, dass ein zweiter Experte zum
gleichen Ergebnis kommt. Das bedeutet:
Alle Schritte standardisieren
Alle Befehle exakt dokumentieren
Keine proprietären Blackbox-Tools verwenden
Open-Source-Werkzeuge bevorzugen
3.5 Integrität & Hashing
Algorithmus
Länge
Sicherheit
Einsatzgebiet
MD5
128 Bit
Schwach
Nur Duplikaterkennung
SHA-1
160 Bit
Gebrochen
Nicht verwenden
SHA-256
256 Bit
Stark
Pflicht
SHA-512
512 Bit
Sehr stark
Optional, für Hochsicherheit
Best Practice
SHA-256 ist der Mindeststandard für forensische Integrität.
MD5 wird nur noch zur schnellen Duplikaterkennung verwendet,
niemals zur Integritätsprüfung.
Teil II
Hardware, Dateisysteme & Fehlerbilder
Ohne Verständnis der physikalischen und logischen Strukturen von Speichermedien
ist jede forensische Analyse fehleranfällig.
Kapitel 4
Technische Grundlagen von Speichermedien
Digitale Forensik beginnt nicht mit Software, sondern mit dem physikalischen Medium.
Ohne ein Verständnis darüber, wie Daten gespeichert, gelesen und verloren gehen,
ist jede Analyse fehleranfällig.
4.1 Mechanische Festplatten (HDD)
Eine klassische HDD besteht aus folgenden Komponenten:
Platters — Mehrere Magnetscheiben, auf denen Daten gespeichert werden
Heads — Schreib-/Leseköpfe, die über den Plattern schweben
Aktuator — Der Arm, der die Heads positioniert
Spindel — Motor, der die Platters dreht
Controller — Mit eingebetteter Firmware
4.1.1 Strukturrelevante Eigenschaften
Eigenschaft
Wert
Forensische Relevanz
Sektorgröße
512B oder 4096B (AF)
Beeinflusst Imaging-Effizienz
Zugriffszeit
~10ms (mechanisch)
Langsamer als SSD
Typische Schäden
Headcrash, Bad Sectors
ddrescue-Strategien nötig
SMART-Indikatoren
Reallocated, Pending, Uncorrectable
Frühwarnsystem
Grundsatz für HDD-Forensik
Eine HDD muss im forensischen Prozess so wenig wie möglich belastet werden.
Jeder zusätzliche Lesevorgang auf einem beschädigten Medium kann zu weiterem Datenverlust führen.
4.2 SSD & NVMe (Flashspeicher)
4.2.1 Architektur
NAND-Flash — Speicherzellen (SLC, MLC, TLC, QLC)
Controller — Verwaltet Wear-Leveling und Fehlerkorrektur
Bad Block Management — Automatisches Ausblenden defekter Bereiche
Garbage Collection — Hintergrundbereinigung
TRIM — Informiert SSD über gelöschte Blöcke
4.2.2 HDD vs. SSD im Vergleich
Thema
HDD
SSD
Lesegeschwindigkeit
Linear, langsam
Random ultra schnell
Schreibgeschwindigkeit
Langsam
Schnell, aber blockweise
Verschleiß
Langsam, mechanisch
Bestimmt durch Schreibzyklen
Defekterkennung
Physische Sektoren sichtbar
Unsichtbare Flash-Remaps
TRIM
Irrelevant
Zerstört forensische Reste
Kritische Gefahren bei SSDs
SSDs „verstecken" defekte Blöcke → ddrescue sieht sie nicht
TRIM löscht gelöschte Dateien irreversibel
Wear-Leveling zerstört 1:1-Korrelation von LBA zu physischem Speicher
Empfehlung: SSD niemals im Live-System mounten — immer sofort Imaging.
4.3 USB-Sticks, SD-Karten, Smartphones
Diese Medien teilen gemeinsame Eigenschaften:
Billige Controller mit hoher Fehlerquote
Unzuverlässige Firmware
Fragmentierung auf Blockebene
„Silent Corruption" — stilles Remappen von Blöcken
Besonderheiten:
USB-Sticks remappen Blöcke oft still (Silent Corruption)
SD-Karten sterben häufig schlagartig ohne Vorwarnung
Smartphones benötigen logische Extraktion (ADB, MTP) oder physische Dumping-Methoden
4.4 Firmware, Cache & versteckte Bereiche
4.4.1 HPA (Host Protected Area)
Ein versteckter Bereich auf HDDs, der vom normalen Betriebssystem nicht gesehen wird.
Kann Daten verbergen und wird bei professionellem Imaging explizit geprüft.
4.4.2 DCO (Device Configuration Overlay)
Manipulierbar und gefährlich — kann Partitionstabellen verschleiern und die
sichtbare Kapazität eines Laufwerks reduzieren.
Forensische Relevanz
Ein Angreifer kann Daten in HPA/DCO verstecken. Professionelle Imaging-Tools
prüfen beide Bereiche explizit:
hdparm — Linux-Tool für HPA/DCO-Analyse
ddrescue mit HPA-Checks
Hardware-Imager (Tableau, Blazer)
4.5 Typische physische Fehlerbilder
Fehler
Symptome
Maßnahmen
Head crash
Kratzgeräusche, sofortiger Datenverlust
Sofort Strom aus, Reinraum nötig
Stiction
Motor dreht nicht, Kopf klebt auf Platte
Spezialwerkzeug, professionelle Hilfe
Magnetische Schwächung
Bereiche schwer lesbar
ddrescue mit Retry-Strategien
PCB-Schäden
Laufwerk wird nicht erkannt
PCB-Tausch mit ROM-Transfer
Slow responding sectors
Lesezeit >500ms pro Sektor
ddrescue Reverse-Pass
Kapitel 5
Partitionstabellen, Dateisysteme & Metadaten
Die logische Organisation von Daten auf einem Speichermedium ist ebenso wichtig
wie die physikalische Struktur.
5.1 Partitionstabellen
5.1.1 MBR (Master Boot Record)
512 Byte Gesamtgröße
Maximal 4 primäre Partitionen
Über 30 Jahre alt
Häufig korrupt durch Schreibfehler
MBR analysieren
fdisk -l /dev/sdX
testdisk /dev/sdX
5.1.2 GPT (GUID Partition Table)
Moderner Standard, seit ~2010
Redundante Partitionstabelle (Primary & Backup)
CRC32 Integritätsprüfung
Bis zu 128 Partitionen
Forensische Relevanz von GPT
Die Backup-GPT kann genutzt werden, wenn die primäre beschädigt ist.
GPT ist generell robuster als MBR und bietet bessere Wiederherstellungsmöglichkeiten.
5.2 Dateisysteme im Überblick
5.2.1 NTFS (Windows)
Wichtigste Strukturen:
$MFT — Master File Table (zentrales Verzeichnis)
$Bitmap — Cluster-Belegung
$AttrDef — Attributdefinitionen
$LogFile — Transaktionsjournal
$BadClus — Defekte Cluster
NTFS ist sehr robust, aber bei Beschädigung extrem komplex zu reparieren.
5.2.2 ext4 (Linux)
Journaling für Crash-Recovery
Sehr robust und gut dokumentiert
Hervorragende Recovery-Möglichkeiten
5.2.3 exFAT
Oft bei USB-Sticks und SD-Karten
Empfindlich und wenig redundant
Minimale Metadaten → leicht zerstörbar
5.2.4 APFS (Apple)
Container-basierte Architektur
Snapshots und Klone
Standardmäßig verschlüsselt
Forensisch schwierig zu analysieren
Dateisystem
Robustheit
Recovery
Metadaten
Journal
NTFS
Hoch
Gut
Sehr umfangreich
Ja
ext4
Sehr hoch
Sehr gut
Solide
Ja
exFAT
Gering
Schlecht
Minimal
Nein
FAT32
Gering
Mittel
Minimal
Nein
APFS
Hoch
Mittel
Sehr gut
Ja
5.3 Metadaten — die versteckte Wahrheit
Daten bestehen zu einem erheblichen Teil aus Metadaten — Informationen über die
eigentlichen Inhalte. Forensiker können daraus rekonstruieren:
Zeitlinien — Wann wurde was erstellt, geändert, zugegriffen?
Geräte — Mit welcher Kamera/welchem Gerät wurde aufgenommen?
Benutzeraktivitäten — Wer hat wann was getan?
Geokoordinaten — Wo wurde ein Foto aufgenommen?
Software — Welche Anwendung hat die Datei erstellt?
Metadatenquellen:
Dateisystem — ctime, mtime, atime
Dateiheader — Format-spezifische Informationen
EXIF — Bildinformationen
IPTC — Pressemetadaten
XMP — Adobe-Metadaten
PDF-Objekte — Dokumenteninformationen
Video-Container — MP4/MOV Atoms
Kapitel 6
Erkennen & Analysieren von Fehlern
Die Fähigkeit, Fehlerbilder zu verstehen, trennt Anfänger von Profis.
Dieses Kapitel ist zentral für jeden forensischen Workflow.
6.1 SMART-Analyse im Detail
SMART (Self-Monitoring, Analysis and Reporting Technology) zeigt kritische Indikatoren:
Der Kernel-Log enthält wertvolle Informationen über Hardware-Probleme:
Meldung
Bedeutung
Maßnahme
I/O error
Physisch beschädigt
ddrescue verwenden
Buffer I/O error on device
Sektor nicht lesbar
Bereich isolieren
NTFS errors
Beschädigte Struktur
ntfsfix auf Image
EXT4-fs warning
Korrupte Inodes
fsck auf Image
reset SuperSpeed USB device
Instabiles USB
Kabel/Port wechseln
Kernel-Log live beobachten
dmesg -wH
6.3 Fehler beim Lesen & Schreiben
Fehlermeldung
Tatsächliche Ursache
Input/output error
Echte Hardware-Probleme
Permission denied
Oft Kodierungsfehler im Dateinamen!
Function not implemented
Dateisystem-Feature nicht unterstützt
Read-only filesystem
Kernel hat Fehler erkannt
Invalid argument
Falsche Parameter oder korrupte Metadaten
Wichtiger Hinweis
Permission denied kann täuschen! Oft liegt die Ursache in
ungültigen Unicode-Sequenzen oder Sonderzeichen im Dateinamen, nicht in
fehlenden Rechten.
6.4 Tools zur Fehlererkennung
Tool
Zweck
Befehl
ddrescue
Imaging defekter Medien
ddrescue -f -n /dev/sdX img.raw log
badblocks
Defekte Blöcke finden
badblocks -v /dev/sdX
fsck
Dateisystem prüfen
fsck -n /dev/sdX
testdisk
Partitionen wiederherstellen
testdisk /dev/sdX
smartctl
SMART-Daten auslesen
smartctl -a /dev/sdX
hexedit
Rohdaten analysieren
hexedit /dev/sdX
Teil III
Forensisch korrektes Imaging
Imaging ist der vollständigste, kritischste und irreversibelste Schritt im gesamten
Forensik-Prozess. Fehler an dieser Stelle zerstören entweder Beweiswert oder Datenträger.
Kapitel 7
Vorbereitung der Imaging-Umgebung
Bevor überhaupt ddrescue gestartet wird, müssen Hardware, Software und
Dokumentation vorbereitet werden.
7.1 Was ist ein forensisches Image?
Definition: Forensisches Image
Ein forensisches Image ist:
Eine bitgenaue Kopie der gesamten Quelle
Inklusive freier Bereiche
Inklusive gelöschter Dateien
Inklusive beschädigter Sektoren (sofern lesbar)
Inklusive unformatierter Bereiche
Inklusive partieller Partitionstabellen
Keine Datei-, sondern Blockkopie.
Eigenschaften eines professionellen Images:
1:1 unveränderliche Kopie
Hash-identisch mit dem Original
Unabhängig vom Dateisystem
Enthält ALLE Spuren
Vollständig offline analysierbar
Rechtlich verwertbar
7.2 Hardware-Anforderungen
7.2.1 Stromversorgung
Eine instabile Stromversorgung erzeugt:
Head jumps bei HDDs
Schreibfehler im Cache
Abbrüche während des Imaging
Zerstörte Logfiles
Empfehlungen
Kein USB-Hub verwenden
Keine minderwertigen Netzteile
Kein gleichzeitiges Laden anderer Geräte am gleichen Port
Wenn möglich: direkt am Mainboard (USB 3.0 bevorzugt)
7.2.2 Kabel & Ports
Schlechte USB-Kabel verursachen:
CRC-Errors
Device Resets
Defekte Image-Fragmente
device descriptor read/64, error -71 Meldungen
Goldene Regel
Bei jedem unklaren Fehler IMMER zuerst das Kabel austauschen.
7.2.3 Write Blocker (Hardware)
Seriöse Forensik nutzt Hardware-Write-Blocker:
Tableau Forensic Imager
WiebeTech Forensic Write Blocker
Voom ShadowDrive
Software kann immer trickreich umgangen werden — Hardware nicht.
7.2.4 Software-Write-Block (Alternative)
Read-Only Mount
mount -o ro /dev/sdX /mnt/readonly
Einschränkungen
Nicht jedes OS hält sich 100% daran
Firmware kann im Hintergrund schreiben
SSDs führen Hintergrundprozesse aus, die Bereiche verändern
7.3 Dokumentation vorbereiten
Ein Imaging ohne Dokumentation ist wertlos. Zu dokumentieren:
Diese Zeichen sind in vielen Dateisystemen illegal:
< > : " | ? * \ NUL
Illegale Zeichen ersetzen
find /mnt/image -depth -print0 | while IFS= read -r -d '' file; do
clean=$(printf "%s" "$file" | sed 's#[<>:"/\\|?*]#_#g')
[ "$clean" != "$file" ] && mv "$file" "$clean"
done
13.5 Der „Permission denied"-Irrtum
Wichtig zu verstehen
Permission denied ist oft kein Rechtsproblem!
Häufige tatsächliche Ursachen:
Ungültige Unicode-Sequenzen
NFD-Zeichen auf Linux
Unsichtbare Steuerzeichen
Null-Bytes im Dateinamen
Deshalb ist dieses Kapitel kritisch wichtig für jeden Sortierprozess.
Kapitel 14
Tiefenanalyse: Metadaten, Inhalte & Container
Die echten forensischen Erkenntnisse entstehen aus Metadaten und Inhaltsstrukturen —
nicht aus Dateinamen.
14.1 EXIF-Forensik (Fotos, Videos)
EXIF-Felder enthalten wertvolle Informationen:
Kamera — Hersteller und Modell
Linsenmodell — Objektiv-Details
GPS — Geokoordinaten
Seriennummer — Eindeutige Kamera-ID
Zeitstempel — Aufnahmedatum und -zeit
Software — Bearbeitungsprogramme
EXIF-Daten auslesen
exiftool -a -u -g1 foto.jpg
Forensische Erkenntnis
EXIF ist oft manipulierbar, aber Muster lügen nicht:
Wenn 10.000 Bilder ein Kameramodell haben und 3 Bilder ein anderes,
könnten diese Bilder aus einer anderen Quelle stammen.
14.2 PDF-Forensik
Wichtigste PDF-Strukturen:
Objekt-Streams — Enthaltene Ressourcen
XRef-Tabellen — Querverweise
Trailer — Dokumentende mit Metadaten
Embedded Files — Eingebettete Dateien
PDF-Metadaten auslesen
pdfinfo dokument.pdf
pdfimages -list dokument.pdf
14.3 Video-/Audio-Container
MP4/MOV bestehen aus „Atoms":
ftyp — Dateityp-Deklaration
moov — Metadaten und Index (kritisch!)
mdat — Mediendaten
udta — Benutzerdaten
Beschädigte Videos
Viele beschädigte Videos haben fehlende moov-Atoms.
Diese können oft durch Reconstruction wiederhergestellt werden.
14.4 Signaturbasiertes File Carving
Tools wie photorec können anhand von Signaturen Dateien wiederherstellen:
In forensischen Kontexten: Niemals Duplikate löschen!
Der Speicherort eines Duplikats kann relevant sein (z.B. gleiche Datei in
verschiedenen Backup-Ordnern zeigt Backup-Verhalten).
18.5 Perceptual Hashing für Bilder
Für ähnliche (nicht identische) Bilder:
Mit findimagedupes
findimagedupes -R /mnt/image > similar_images.txt
Nützlich für:
Unterschiedliche Kompressionen des gleichen Bildes
Reskalierte Versionen
Leicht bearbeitete Kopien
Teil VI
Archivierung & Langzeitsicherung
Daten, die nicht korrekt archiviert werden, sind verloren — nur eine Frage der Zeit.
Kapitel 19
Archivformate & Container
Die Wahl des Archivformats bestimmt die Langzeitlesbarkeit und Integrität
der gesicherten Daten.
19.1 Archivformat-Vergleich
Format
Kompression
Integrität
Portabilität
Empfehlung
tar
Keine
Keine
Universell
Basis-Container
tar.gz
Gut
Checksum
Universell
✓ Standard
tar.xz
Sehr gut
CRC
Modern
✓ Für Platz
tar.zst
Exzellent
CRC
Modern
✓ Optimal
zip
Mittel
CRC32
Universell
Für Windows
7z
Sehr gut
CRC
Tool nötig
Alternative
19.2 Das optimale Archivkommando
Archiv mit Zstandard (empfohlen)
tar --zstd -cvf archiv_$(date +%Y%m%d).tar.zst /evidence/sorted/
Archiv mit XZ (maximale Kompression)
tar -cvJf archiv_$(date +%Y%m%d).tar.xz /evidence/sorted/
Archiv mit Gzip (maximale Kompatibilität)
tar -cvzf archiv_$(date +%Y%m%d).tar.gz /evidence/sorted/
19.3 Split-Archive für große Datenmengen
In 4GB-Teile splitten
tar -cvf - /evidence/sorted/ | split -b 4G - archiv_part_
Seeds und Private Keys sind extrem sensibel!
Dokumentieren Sie Fundstellen, aber übertragen Sie niemals Seeds über
unsichere Kanäle oder speichern Sie sie unverschlüsselt.
Kapitel 25
Vollautomatisierung
Der ultimative forensische Workflow — vom Einstecken des Datenträgers
bis zum fertigen Archiv in einem Skript.
Standards, Dokumentationen und weiterführende Ressourcen.
33.1 Standards
ACPO Good Practice Guide — Good Practice Guide for Digital Evidence
RFC 3227 — Guidelines for Evidence Collection and Archiving
NIST SP 800-86 — Guide to Integrating Forensic Techniques
ISO/IEC 27037 — Guidelines for identification, collection, acquisition and preservation of digital evidence
33.2 Tool-Dokumentation
GNU ddrescue Manual — gnu.org/software/ddrescue/manual/
The Sleuth Kit — sleuthkit.org/sleuthkit/docs.php
PhotoRec — cgsecurity.org/wiki/PhotoRec
ExifTool — exiftool.org
33.3 Weiterführende Literatur
File System Forensic Analysis — Brian Carrier
The Art of Memory Forensics — Ligh, Case, Levy, Walters
Digital Forensics with Kali Linux — Shiva V. N. Parasram
Practical Forensic Imaging — Bruce Nikkel
33.4 Online-Ressourcen
SANS Digital Forensics — sans.org/digital-forensics-incident-response/
Forensics Wiki — forensicswiki.xyz
DFIR Training — dfir.training
Ende des Manifests
Dieses Werk ist ein lebendes Dokument.
Forensische Methoden entwickeln sich weiter, neue Tools entstehen,
Standards werden aktualisiert. Bleiben Sie informiert und passen Sie
Ihre Workflows entsprechend an.
„Die Wahrheit liegt in den Daten — unsere Aufgabe ist es, sie sichtbar zu machen."